Die Entwicklungsgeschichte des weißen Wandbaustoffs

Bereits die Römer wussten die positiven Eigenschaften des Baustoffes Kalk zu schätzen. Aber erst im Zuge der riesigen Bauaufgaben, die die Industrialisierung im 19. Jahrhundert mit sich brachte, gingen experimentierfreudige Tüftler der Frage nach, ob sich nicht aus Kalkmörtel ein innovativer Wandbaustoff entwickeln ließe. Die ersten Versuche - eine Mischung aus Sand, Kalk und Wasser an der Luft zu einer homogenen Steinmasse getrocknet - waren unbefriedigend, denn der Abbindeprozess dauerte zu lange und es wurden keine ausreichenden Festigkeiten erzielt.

Einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zum industriell hergestellten Kalksandstein setzte der deutsche Arzt Dr. Bernhardi. Ihm gelang es 1854 im sächsischen Eilenburg, mit einer handbetriebenen hölzernen Hebelpresse den ersten Luft gehärteten Kalkmörtel-Mauerstein herzustellen und daraus ein zweigeschossiges Gebäude aus Kalksandstein zu errichten. Damit war der Herstellungsprozess zwar rationalisiert worden, doch die Endfestigkeit der Steine ließ noch immer zu wünschen übrig.

Dem Baustoffchemiker Dr. Wilhelm Michaelis gelang 1880 der entscheidende Durchbruch. Er hatte in Schweden ein englisches Verfahren kennen gelernt, bei dem ein chemisch behandeltes Gemisch aus Wasserglas und Sand unter niedrigem Dampfdruck innerhalb kurzer Zeit gehärtet wurde. Michaelis modifizierte diese Technik, in dem er auf eine wasserarme, steife Mischung aus Sand und Kalk zurückging und diesem Mörtel dann gespanntem Heißdampf zusetzte. Das Experiment war erfolgreich und bildete die Basis aller nachfolgenden Kalksandstein-Härtetechniken.

Ende des 19. Jahrhunderts war die Herstellung der weißen Steine immer noch handwerklich geprägt, denn es fehlten noch die entsprechenden Maschinen für die industrielle Massenproduktion. Aus diesem Grund befassten sich zahlreiche Firmen in England und Deutschland damit, wirkungsvolle mechanische Pressen und befahrbare Härtekessel zu entwickeln.

Die erste dieser enorm kapazitätssteigernden Pressen wurde 1894 von der Firma Amandus Kahl aus England eingeführt und im Werk des Maurermeisters Mechlenburg im schleswig-holsteinischen Neumünster aufgestellt. Die Inbetriebnahme der Presse, die drei integrierte Arbeitsgänge - Füllen, Pressen und Ausstoßen - selbstständig erledigte, markiert nicht nur den Beginn der industriellen Produktion der Kalksandsteine. Sie ist gleichzeitig der Startpunkt eines Siegeszuges, in dessen Verlauf sich der neue Baustoff schnell in Deutschland und Europa ausbreitete. In den Jahren 1898 und 1899 nahmen weitere Werke in Deutschland - und damit weltweit - ihre Arbeit auf.

Anfang des 20. Jahrhunderts bestand der neue Industriezweig bereits aus zehn Werken. Doch die Qualität der Kalksandsteine schwankte. Es gab erhebliche Unterschiede in Farbe und Maßhaltigkeit und - was noch viel schlimmer war - erhebliche Differenzen in der Druckfestigkeit. Um hier für Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit zu sorgen, fand am 10. Dezember 1900 im Architektenhaus in Berlin eine Versammlung „der am Kalksandstein interessierten Gruppen“ statt. Das Treffen endete mit einem wegweisenden Entschluss: 32 Teilnehmer gründeten den „Verein der Kalksandsteinfabriken“. Seine Ziele lauteten:

  • Weitergehende Erforschung der Grundstoffe Sand und Kalk
  • Konsequente Qualitätsverbesserung der daraus hergestellten Steine
  • Vereinheitlichung und Optimierung der verschiedenen Produktionsmethoden
  • Ergründung künftiger Anwendungsgebiete am Bau

 Ein wesentliches Qualitätskriterium war die Festschreibung der Druckfestigkeit der Steine. Aus diesem Grund beschlossen die Mitglieder auf ihrer 1. Hauptversammlung am 1. März 1901, dass nur noch solche Werke in den Verband aufgenommen werden dürfen, die ihre Kalksandsteine nachweislich mit einer vorgegebenen Mindestdruckfestigkeit produzierten.

Zwei Jahre später wurde festgelegt, dass sich „jedes ordentliche Mitglied verpflichtet, nur Kalksandsteine mit einer Mindestdruckfestigkeit von 140 kp/cm² herzustellen.“ Diese Festschreibung hatte weitreichende Konsequenzen, denn sie bildete den Anfang der Baustoff-Gütesicherung und der Baustoff-Normung in Deutschland und sie trug entscheidend zur Erfolgsgeschichte des Kalksandsteines bei.

Fünf Jahre nach Gründung des Vereins der Kalksandsteinfabriken hatte sich die Zahl der Werke in Deutschland von 80 auf 209 erhöht. Gleichzeitig war die jährliche Produktion von etwa 300 Millionen Steine (entspricht ca. 585.000 m³) auf knapp über eine Milliarde Kalksandsteine angestiegen. Der weiße Stein setzte seine Erfolgsgeschichte fort und bereits 1910 produzierten 310 KS-Werke rund 1,5 Milliarden Steine.

Im 1. Weltkrieg kam die Produktion der Kalksandsteine zum Erliegen und setzte erst nach der Inflation mit der sich verstärkenden Bautätigkeit langsam wieder ein. Neu gebildete Bezirksgruppen konstituierten 1922 den „Reichsverein der Kalksandsteinfabriken“.

Im Januar 1927 trat die Norm DIN 106 „Kalksandsteine - Mauersteine“ in Kraft. Sie enthielt wegweisende Anforderungen an zulässige Maßtoleranzen, Frostbeständigkeit und schrieb die Mindestdruckfestigkeit von 150 kp/cm² fest, dies entspricht 15 kN/mm² (Mindestwert für Steine der heutigen SFK 12). Außerdem sorgte sie dafür, dass das Vertrauen in den weißen Stein weiter wuchs.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und die 1930er Jahre brachten den größten wirtschaftlichen Durchbruch für die „technisch runderneuerten“ und die zahlreichen neu errichteten und hochproduktiven Kalksandsteinwerke. 1936 verzeichnete die Kalksandsteinindustrie mit 2,5 Milliarden Kalksandsteinen das höchste Absatzergebnis seit Bestehen der Industrie.

Der 2. Weltkrieg setzte den Jahren prosperierender Bauwirtschaft ein jähes Ende. Vor seinem Beginn im Herbst 1939 gab es noch 252 Kalksandsteinwerke, nach dem Krieg wurden sechs dieser Werke demontiert. In den Ostgebieten kamen 110 unter polnische und russische Verwaltung, sodass im restlichen Deutschland 136 Werke übrig blieben. 98 davon befanden sich in Westdeutschland. Wegen starker Zerstörungen und schwieriger Ersatzteilbeschaffung konnten sie zum größten Teil gar nicht oder nur stark eingeschränkt produzieren.

Die politische Spaltung Deutschlands führte zu einer nahezu vollständigen Abkopplung der im Osten liegenden Werke. Bis Mitte der 1950er Jahre fanden zwar noch Gespräche statt, doch diese wurden in den Folgejahren zunehmend eingeschränkt und Ende der 1950er Jahre völlig abgebrochen. Die politischen Gegebenheiten trieb die Mehrzahl der Kalksandsteinwerke im Osten Deutschlands in den wirtschaftlichen Ruin.

Im Westen sah die politische und wirtschaftliche Situation anders aus. Hier sorgte der allgemeine Aufbau für einen gewaltigen Konjunkturschub und mit der Zuversicht der Unternehmen wuchs der Wunsch nach einer zentralen Dachorganisation. Den „Reichsverein der Kalksandsteinfabriken“ gab es nicht mehr; er war bereits vor dem Krieg aufgelöst worden. Stattdessen gründeten die Landes-Verbände am 24. Januar 1950 in Hannover den „Hauptverband Kalksandsteinindustrie“. Sein Ziel: die wirtschaftliche Zukunft des Kalksandsteins zu sichern, die Güteüberwachung fortzuschreiben und für eine ständige technische Weiterentwicklung zu sorgen.

In der Tradition des bereits 1903 entwickelten Güteschutz-Gedankens wurde daher am 9. Dezember 1955 der Güteschutz Kalksandstein e.V. gegründet - eine gemeinschaftlich von der Kalksandsteinindustrie getragene Prüfstelle, die im hauseigenen Labor mit modernsten Geräten ausgestattet wurde. Sie hatte die Aufgabe, die gleichbleibende Qualität der Produkte und die Einhaltung der in DIN 106 aufgeführten Anforderungswerte zu überwachen.

Die Mitgliedschaft im Güteschutz Kalksandstein war freiwillig. Sie verpflichtete die beigetretenen Unternehmen, ihre Produktion laufend im werkseigenen Labor zu überwachen, die Ergebnisse aufzuzeichnen und aufzubewahren. Nur die Kalksandsteinwerke, die die hohen Qualitätsanforderungen der Güteschutz Kalksandstein e.V. erfüllten, durften das Zeichen „Güteschutz Kalksandstein - DIN 106 überwacht“ verwenden. Außenstehenden diente es als Garantie für qualitativ hochwertige und technologisch einwandfreie Kalksandsteinprodukte.

Der „Güteschutz Kalksandstein eV“ wurde zum 1. Januar 2006 umbenannt in „Qualitätsgemeinschaft Mauerwerkprodukte eV“.

Zehn Jahre nach Gründung des Güteschutz Kalksandstein e.V., exakt am 24. März 1965, wurde in Hannover die Forschungsvereinigung Kalk-Sand e.V. ins Leben gerufen. 

Die Gründung der Forschungsvereinigung Kalk-Sand eV markierte den Übergang von der Bearbeitung einzelner Forschungsaufträge, die sich zumeist aus aktuellen Anlässen als notwendig erwiesen, zur planmäßigen Forschungstätigkeit im Rahmen vorher abgestimmter Forschungsprogramme über mehrere Jahre. Die Kalksandsteinindustrie verdankt ihre Entwicklung zur zweitgrößten Mauersteinindustrie nicht zuletzt auch der technisch-wissenschaftlichen Forschung, weil sie von Beginn an die Erkenntnisse aus der Baustoffchemie, der Mineralogie und der Physik und auch der Verfahrenstechnik und dem Maschinenbau konsequent für die Weiterentwicklung des weißen Mauersteins nutzte.

Für die Unternehmen der Kalksandsteinindustrie setzte nach 1950 ein zuerst moderat, dann aber rasant steigender Aufschwung ein, der 1972 mit 6,93 Milliarden produzierten Kalksandsteinen seinen Höchststand erreichte. Dies entspricht dem Wandbaustoffbedarf von 280.000 Wohneinheiten. Die Kapazitätssprünge stellten die Unternehmen vor enorme Herausforderungen hinsichtlich Flexibilität und Innovationsfreude und damit einhergehend auch neue Anforderungen an die Verbandstätigkeit. So erarbeitete der Hauptverband Kalksandsteinindustrie u.a. in Zusammenarbeit mit den Kalksandsteinwerken und ihren Vertriebs- und Beratungsgesellschaften technische Kompendien für die Baupraxis, die sich nicht nur großer Beliebtheit bei allen Bauschaffenden erfreuten, sondern sich überdies als äußerst wirksame Werbeträger erwiesen.

Auf die sich verändernden Rahmenbedingungen und Aufgabenbereiche reagierte der Hauptverband, in dem er sich am 13. Juni 1962 in Bad Godesberg in den „Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.“ umbenannte. Der überregional tätige Bundesverband entwickelte sich im Laufe der Jahre zum allgemein anerkannten Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband der Kalksandsteinindustrie. Er vertritt die wirtschafts- und sozialpolitischen Interessen seiner Mitglieder gegenüber Behörden und Instituten und er arbeitet mit Industrien, Verbänden und Organisationen zusammen.

Die gesetzlichen Vorgaben zum Wärmeschutz von Gebäuden und wachsendes Umweltbewusstsein trugen dazu bei, dass das Informationsbedürfnis von Baufachleuten und Bauherren wuchs. Um hierauf reagieren und vorausschauend agieren zu können, wurde am 23. November 1971 die Kalksandstein-Information GmbH + Co. KG (KS-Info) ins Leben gerufen. Mit Informationsschriften und Fachbüchern, bundesweiten Werbemaßnahmen, Messestände auf überregionalen Baufachmessen sowie nationaler Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sorgte sie für eine markante sowie kontinuierliche Selbstdarstellung der Kalksandsteinindustrie.

1973 löste die 1. Ölkrise eine starke wirtschaftliche Rezession aus, die sich auch auf den gesamten Bau- und Baustoffmarkt auswirkte und hier - von einer kurzen Erholungsphase abgesehen - bis zum Jahr 1988 reichte.

Den herausragenden Meilenstein für einen beginnenden Aufschwung bildete am 7. Juni 1990 die erstmals wieder gesamtdeutsch besetzte Kalksandstein-Jahrestagung in Köln. Am 3. Juli 1990 folgte eine Vorstandssitzung des Bundesverbandes in Berlin, auf der alle offiziell eingeladenen Leiter der sieben Ost-Werke den Wunsch nach einer Mitgliedschaft im Bundesverband aussprachen. Möglich wurde dies nach einer 1991 erfolgten Satzungsänderung.

Kooperationen mit im Westen Deutschlands angesiedelten Kalksandstein-Werken trugen dazu bei, dass in den fünf Neuen Bundesländern bereits ab 1992 ein Großteil des Kalksandstein-Sortiments zur Verfügung stand. Über 500 Millionen Euro (1 Milliarde DM) investierte die Branche im Osten und schuf dort auf diese Weise die modernste Kalksandsteinindustrie der Welt. Der Aufschwung Ost und der durch die jahrelange Rezession ausgelöste Nachholbedarf im Westen sorgte bis 1995 für einen außerordentlichen Bauboom. Mit ihren innovativen Produkten und rationellen Anwendungstechniken hatte sich die Kalksandsteinindustrie einen Namen für kostengünstiges Bauen bei hoher Bauqualität geschaffen und konnte daher von dieser Entwicklung profitieren.

Die 2. Hälfte der 1990er Jahre war in Deutschland von einer andauernden verhaltenen wirtschaftlichen Entwicklung gekennzeichnet, die auch vor dem Wohnungs- und Wirtschaftsbau nicht halt machte. Ursachen für die Abschwächung der konjunkturellen Dynamik waren u.a. das Nachlassen der Weltkonjunktur, die Verschiebungen im internationalen Wechselkursgefüge sowie steigende Lohn- und Lohnnebenkosten.

Die Zahl der Kalksandsteinwerke sank von 172 im Jahr 1996 auf 103 Werke im Jahr 2004, der Gesamtabsatz von Kalksandsteinprodukten von 4.834 Milliarden NF (1996) auf 2.250 Milliarden NF (2004). Auch die Anzahl der in der Kalksandsteinindustrie Beschäftigen reduzierte sich von 4.047 (1996) auf 1.957 (2004). Erfreulich ist aber, dass die Produktivität der Mitarbeiter im gleichen Zeitraum von 181,9 Tausend Euro pro Beschäftigtem (1996) auf 210,8 Tausend Euro (2004) stieg.

35 Jahre nach ihrer Gründung, wird im Jahr 2006 die KS-Info GmbH aus der Verbandsstruktur ausgegliedert und in die eigenständige KS-ORIGINAL GMBH umgewandelt. Die Marke KS* steht heute für massiven Mauerwerksbau aus Kalksandstein. Zugleich ist KS* ein Markenverbund mittelständischer Kalksandsteinhersteller, die mit ihrer Erfahrung und Kompetenz diesen weißen, qualitativ anspruchsvollen Wandbaustoff in höchster Präzision fertigen.

Der Einzigartigkeit eines jeden Bauprojekts begegnet KS* mit verschiedenen Produktfamilien zur Gestaltung von Innen- und Außenwänden in Massivbauweise. Lösungsorientiert lassen sich mit ihnen individuelle Anforderungen an das Mauerwerk planen und ausführen. Während KS-ORIGINAL vielfältige Steinformate für den traditionellen Mauerwerksbau sowie für das Sichtmauerwerk bietet, steht KS-PLUS  für wirtschaftlich einsetzbare Wandbausätze mit maßgefertigten Planelementen. Ein ganzheitliches System zur Gestaltung innovativer Wandkonstruktionen mit Rasterlementen und der Option, Funktionen in die Wand zu integrieren, bietet die Produktfamilie KS-QUADRO.

Die KS* Kalksandsteinhersteller werden auch künftig mit marktorientierten und zukunftsweisenden Lösungen und Techniken zu den Schrittmachern der Baustoffindustrie zählen und wie in den vergangenen Jahrzehnten das Baugeschehen in Deutschland maßgeblich beeinflussen.